Gruftie sprach zu dem Skelett:
"Warum bist du nicht mehr Fett"?

"Ich gewann beim Marathon,
wie seit zwanzig Jahren schon.

Dort seh'n alle aus wie ich.
Niemals steht was auf dem Tisch,

das man Essen könnte nennen.
Ich verzehr' nur Luft - beim rennen".

"Stimmt, du siehst sehr luftig aus,
klapprig wie ein Kartenhaus.

Zieht es dir nicht durch die Rippen?
Wag' es nicht, dich anzutippen".

"Sieh dich lieber selbst mal an,
du scheinst mir der Gruftiemann.

Bist bei uns grad' 'mal drei Wochen,
Haut klebt noch an deinen Knochen.

War wohl nichts mit der Genesung,
stinken tust du nach Verwesung."

"Stimmt, mein Chefarzt hat versagt,
drum an mir die Made nagt.

Mumie ist mein neues Ziel,
weil das Wickeln mir gefiel.

Doch der Stoff hat nicht gereicht,
und nun bin ich aufgeweicht.

Fühl' mich fürchterlich blamiert,
weil nur halb ich balsamiert.

Schwing mich auf ein frisches Bett.
Dort werd' bald auch ich Skelett.

Die Gerüche sich verzieh'n,
nach drei Schlucken Formalin".

Entnommen aus:
Manfred Röschlau
Bitte(r) Bös Artig
No Konsens Nonsens Gedichte
axel dielmann - verlag, Frankfurt/M,
188 S, 2007, 16,-€
ISBN 3 86638 124 7
Ein Mann kommt voller Stolz nach Haus
rückt fiebrig mit der Nachricht 'raus:

'Ich hab' den Job, was sagt ihr jetzt?
Ihr wißt, wie ich mich abgehetzt

nach diesem letzten Hoffnungsschimmer.
So hört' schon auf mit dem Gewimmer,

denn Essen wird's bald reichlich geben
- nach jahrelangem Hundeleben.“

Und mit Elan und Tatendrang
jagt unser Mann die Straße lang,

die ihn zur neuen Firma führt.
Wer ihn so sieht, der dringend spürt:

Das muss für ihn die Welt bedeuten.
Auch macht er Schluss mit armen Leuten

aus seinem vormaligen Leben,
denn bald wird's nur noch Austern geben!

Er ist gerührt
- in seinem Alter -
wird’ er des Buches noch mal Halter...

Doch Buchhalter sind schnell verwirrt,
wenn sich im Buch ‚ne Zahl verirrt.

Drum freut den Zahlenakrobaten
der Fund von falschen Buchungsdaten.

Tatsächlich! - und gleich zu Beginn,
stimmt etwas nicht mit dem Gewinn.

„Wieso denn das? Wie kann's denn geh'n?
Hab’ ich ein Komma überseh'n

Noch bin ich in der Probezeit.
Jetzt wieder geh’n wär’ wohl gescheit.

Sonst trifft mich voll das Risiko
und nirgends, auch nicht irgendwo
werd' ich je meines Lebens froh

als kleinster der Bilanzbuchhalter...
...lässt mich kein Mensch mehr an die Schalter...
...nicht einmal als Zitronenfalter...

...bekäme ich noch einen Job...“
Gedankenvoll kratzt er sein Kopp...

Zu dieser Firma wollt' er wohl,
doch merkt er nun, die ist ja hohl!

Und Schritt für Schritt bekommt er mit
die ist ja völlig aus dem Tritt...

Auch scheint's, der Vorstand weiter träumt
und letzte Chancen so versäumt...

Die Zeit wird knapp! Das Geld ist's längst!
Und Du am seid'nen Faden hängst.

Er macht sich auf - und auch davon,
verzichtet auf den letzten Lohn.

Und Austern schlürfen, meine Lieben,
das müssen wir
- zunächst -
verschieben.

Entnommen aus:
Manfred Röschlau
Bitte(r) Bös Artig
No Konsens Nonsens Gedichte
axel dielmann - verlag, Frankfurt/M,
188 S, 2007, 16,-€
ISBN 3 86638 124 7