Jeder kennt das. Man hat noch einen Rest Tee in der Kanne, gießt ihn in seine Tasse und hofft darauf, dass sie sich noch einmal einigermaßen füllen möge. Der Tee läuft. Die Tasse füllt sich. Der Tee läuft - länger als erwartet. Der Füllstand in der Tasse ist dabei, die Anstandslinie zu überpegeln. Jetzt müsste die Kanne doch leer sein. Doch der Tee - er läuft - weiter...

Ich kenne doch meine Kanne! Die ich seit Jahren benutze! Ich hab nur die Eine. Sie wurde bisher doch immer rechtzeitig leer - bei diesem Spielchen. Zwar wurde dabei die Tasse manchmal dermaßen voll, dass ich sie nicht mehr zum Mund führen konnte. Sie trotze mir dann ein Abschlürfen ab. Aber sie lief nicht über!

Doch diesmal - ausgerechnet jetzt, wo Besuch da ist. Auch noch ungebetener. Der Herr Vermieter will irgendwas....

Zwei Frauen kreuzen meinen Weg auf dem Bürgersteig. Eine schleppt Einkaufstüten, die andere zieht zusätzlich ein Einkaufwägelchen hinter sich her. Beide Seiten – die Damen ihrerseits und ich, haben noch etwa gleichweit zu einem Hindernis, das auf dem Trottoir steht. Es handelt sich um ein temporär aufgestelltes Hinweisschild zu einer Baustelle. Es steht mitten auf dem Weg und steckt in zwei übereinander gestapelten Hartgummischuhen, die nicht längs sondern quer zum Weg ausgerichtet sind. Zu beiden Seiten des Schildes sind noch ca. vierzig Zentimeter Platz zum Vorbeigehen.

Den beiden Frauen und mir ist der Engpass bewusst - soweit ich deren Körpersprache deuten kann. Sie waren etwa drei Schritte eher am Hindernis angelangt und passierten es.

Doch anstatt zügig weiter zu gehen blieben sie unvermittelt stehen und wollten lesen, was auf dem Schild stand. Beide, laut lesend, verhedderten sich im aufgeschriebenen Zahlenwust von Uhrzeiten und Kalenderdaten. Ich sah mich vor einem unüberwindlichen Hindernis. Links parkende Autos. Dann die alte Dicke mit ihren Taschen, die den dürren Schilderstängel touchierten. Dann das Schild mit seinen dicken und hohen Querfüßen. Unmittelbar anschließend die Dünne - aber mit Nachziehwägelchen, das schon am Gebüsch des Vorgartens kratzte.

Mir wurde zunächst nicht klar, was hier grenzenloser ist: Deren Nichtwahrnehmung oder deren egoistische Ignoranz meiner Person? Deren Neugier auf einen Eintrag am Schild, der sie nicht zwingend zu interessieren brauchte. Meine Fassung wankte ob der vorgefundenen, obszönskurrilen Situation. Mir boten sich zwei Lösungen.